Inklusion und Methodik – Gedanken und Erfahrungen einer Mentorin

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Gewaltfreie Kommunikation, Kinderarten- und Grundschulpädagogik mit methodisch-didaktischem Tiefgang, das sind die fachlichen Stärken von Doris Mundt.
Seit mehr als anderthalb Jahren reist sie bereits im Rahmen des Senior-Experten Programmes des SES Bonn wiederholt ins Ait Bouguemez und begleitet und “coacht” das marokkanische Lehrerteam der école vivante direkt vor Ort.

Gemeinsam mit uns erarbeitet sie jeweils neue Techniken des achtsamen Umgangs und des aktiven Begleitens, schärft den Blick für ganzheitliche Methoden und ein gleichwertiges Miteinander aller.
Von September bis Anfang November war Doris hier und dieses Mal profitierte vor allem die Basisstufe von ihren wertvollen Impulsen.
Hier sind einige von Doris‘ Eindrücken der letzten Wochen:

„Mit zwei Seelen in der Brust verlasse ich jetzt, nach 9 Wochen, das Tal der Glücklichen und die école vivante.

Reicher an emotionalen Momenten, intensivem interkulturellem Lernen, sowie neuem Sachverstand “inklusiver“ Art: 

Neben dem arabischen, berberischen noch das neue Alphabet der Gebärdensprache zu lernen, quasi wie aus dem Handgelenk, darüber hinaus die Technik der Inklusion noch besser zu verstehen und bewusster anzuwenden sowie damit den fast andächtigen Wandel innerhalb von Minuten aller Kinder zu beobachten, da hüpfte meine Seele vor Freude.

So kehre ich freudig gestimmt nach Hause zurück und stelle mich der wohlorganisierten Ordnung und dem beginnenden Winter in Deutschland.

Mitnehmen werde ich unter vielen anderen folgende Erfahrungen:

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 Wenn Gehörlose plötzlich verstehen und beginnen zu artikulieren, das ist wie ein kleines Wunder. Und dieses kleine Wunder hat nicht nur Fritz Wisch mit seinen ernsthaften Sachinformationen, seinem Humor und der Gebärdensprache vollbracht, sondern, im Besonderen die beherzte Equipe der Basisstufe. Sie schaffte es auf beeindruckende Weise der Theorie der Inklusion gleich die Praxis folgen zu lassen. Und auch meine Botschaften an die Pädagogen sowie das natürliche Selbstbewusstsein der Kinder taten ihre Wirkung: 

Im sonst so rituellem Morgenkreis vollzog sich nach einer der Fortbildungen gleich am nächsten Morgen ein Wandel.

(H) und (A) die beiden gehörlosen Schülerinnen nahmen neue Sitzplätze nebeneinander ein. Das morgendliche Gebet, sonst miteinander in der Runde gesprochen, wurde heute zum ersten Mal von zwei sehr motivierten Jungen vorgesprochen. Sie positionierten sich stehend gleich gegenüber den beiden Mädchen, also über das Lippenlesen für beide verständlich und nachsprechbar …….. und die beiden sprachen nach!

Wir hielten den Atem an und als wir alle unser erstes Staunen über diesen beginnenden Prozess überwunden hatten, tat sich in der Tat ein fast andächtiges Miteinander auf. Anscheinend von diesem Gelingen beflügelt, wurde die Methode des Vor- und Nachsprechens immer fließender und selbstverständlicher. Wir spürten es alle, und ich bin sicher, selbst die Kinder, alle im Raum Anwesenden erlebten gerade die Geburtsstunde einer praktizierten und gelungenen Inklusion nach einer  maßgeblichen Ein- und Ausführung des Teams in die Methode.
Selbst wenn ich eine große Anhängerin gelungener Methoden bin, das hier grenzte für mich an ein kleines Wunder, wie die Kinder bei einer passenden Methode, zum passenden Zeitpunkt, im passenden vertrauten Umfeld mit ihrem ganz eigenen Sachverstand folgten, nämlich mit ganzem Herzen und zusehends wachsendem Selbstvertrauen.

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Erkenntnis: Gelungene Inklusion schubst jeden, der an diesem Prozess beteiligt ist, in (s)ein ganz besonderes und eigenes soziales Lernen…. eine Erfahrung für mich einer  „Sternstunde“ gleich.

Und weitere folgten.

Eines der gehörbeeinträchtigten Mädchen, in der glücklichen Lage, Besitzerin von Hörgeräten zu sein, aber sich ihnen noch verweigernd, wurde von vielen Umständen und Mitmenschen mehr als weniger bedrängt, sie doch wenigstens für Momente oder Stunden auszuprobieren. Das Drängen erreichte sie, drang anscheinend in sie,  sie entschloss sich also irgendwann zu dem Gerät im linken Ohr. Aber diese Bereitschaft hängt in diesem Alter überwiegend noch von der Zuneigung besonderer Bezugspersonen ab.
Egal aus welcher Motivation, es schienen sich ihr dadurch neue Welten eröffnet zu haben, sie trug die Hörgeräte nun regelmäßig. Eines Morgens aber kam (H) in die Schule, doch ohne Hörgerät. Das Morgengebet vollzog sich in für sie nun schon gewohnter Weise, danach aber folgte ein neuer Schritt des „Miteinander-redens“ (H) und (A) wurden nun auch über den Plan des Tages auf diese Weise informiert und (H) stoppte diesen Prozess mit dem (gebärdeten) Kommentar: 
 „Wartet, ich habe mein Hörgerät nicht im Ohr, ich verstehe nichts“.

Sie lief davon, um es schnell einzusetzen und kehrte sehr neugierig zurück. Wir alle waren gerne bereit,  zu warten, denn nun akzeptierte sie ihre Beeinträchtigung, wollte sie nicht mehr überspielen. Es war ab sofort ganz alleine ihre Entscheidung und zwar zu Ihrem eigenen Wohlergehen. Besser konnte diese Entwicklung gar nicht verlaufen. Sie inkludierte sich in diesem Moment selber. 

 han HG

Ich danke allen, die diese Erfahrung möglich gemacht haben und dass ich dabei sein durfte.
Jedes Mal, wenn ich von meinen ehrenamtlichen Projekten an der école vivante wieder nach Deutschland zurückkehre, spüre ich, ich komme verändert zurück.
Wie?,  das merke ich erst, wenn ich wieder zu Hause bin.“ 

Und wir, die école vivante, sind dankbar, Doris Mundt als aktiven Teil unseres Teams zu zählen und freuen uns bereits auf ihren nächsten Einsatz im Frühjahr, inchaallah. Danke Doris!

 

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