Ramadan Alltag unserer Volontärin Fabienne – Teil 1

Fabienne Schwartz ist seit April an der école vivante und macht mit den Mitarbeiter_innen und Schüler_innen Fortbildungen zu Gebärdensprache und Hörgeschädigtenpädagogik. Sie arbeitet insgesamt drei Monate an der école vivante und lebt in der Gastfamilie der zwei tauben Schüler_innen, Assia und Jaouhar aus der ersten Klasse.

Ramadan-Alltag im Ait Bougemez

Ich wache von einem Klopfen an meiner Tür auf. Müde reibe ich mir die Augen.
Es ist 02:19 Uhr und  stockdunkel draußen. Ich ziehe mit einen Pulli und ein Kopftuch über, bevor ich in unseren dunklen Flur trete. Natürlich müsste ich kein Kopftuch anziehen, denn in unserem Haus schlafen nur meine Gastmutter Aicha, ihre Kinder Hamzar (9) Assia (8), Jahar (6) und ich. Trotzdem ziehe ich es an, weil es ein Teil meines Lebens hier geworden ist und ich mich seltsam fühle, bei dem Gedanken, es nicht zu tragen.
Was in Europa ein ewiges Streitthema ist, ist hier mein Tor zu den Menschen geworden. Es ist auf dem Markt, in meinem Dorf Aguerd N´Ouzrou, aber auch im Lehrer_innen-team so viel einfacher, Zugang zu den Menschen zu bekommen. Ich frage mich, wie seltsam es wieder in Deutschland sein muss, so ganz ohne.
Es ist spannend, wie schnell man sich an etwas gewöhnen kann, wenn man sich wohlfühlt. Ich verstehe, dass Menschen es nicht abziehen wollen oder können, weil es zu ihnen gehört. Die Einheimischen loben zwar immer wieder, dass es mit dem Kopftuch schön aussehe, aber niemand stellt seltsame Fragen.

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Wen es wirklich irritiert, sind die Ausländer, die ins Tal kommen. Sie sprechen entweder automatisch Französisch mit mir (und deutsch mit anderen Freiwilligen) und fragen mich sofort überrascht, wenn ich den Mund aufmache und fließend deutsch spreche, ob ich Muslima sei. Und dann, warum ich das Tuch trage. Sie wollen es verstehen und wissen, wie jemand aus Deutschland zu der Entscheidung kommt, das Kopftuch zu tragen, ohne gleich konvertiert zu sein. Aus Respekt, lautet meine Antwort, um eine Symbiose mit Menschen und Kultur hier einzugehen und weil ich mich wohlfühle.

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Ich steige die Treppe hinab in den dunklen Stall, unserer Toilette, zum alten Esel, den ich Mozart getauft habe, den Schafen und den Hühnern. Oben werkelt Aicha bereits in der Küche, weshalb mir im Stall, von der Decke aus Holz und Lehm, Staub und Steinchen auf den Kopf rieseln.
Gähnend steige ich wieder hoch und geselle mich zu ihr. Gemeinsam bereiten wir und ein Essen aus Brot, Öl, Marmelade und Suppe. Aicha trinkt Tee und isst von der aufgewärmten Tajine vom Abend, ich halte mich an Brot und Kaffee, was hier bedeutet, dass Milch mit einem Hauch von Kaffeepulver und Zucker aufgekocht wird. Außerdem gibt es Datteln und Orangen.
Es ist gewöhnungsbedürftig um diese Uhrzeit etwas zu essen und zu trinken, aber es wird bis etwa 19.40 Uhr das letzte Mal sein, dass Essen im einmonatigen Ramadan erlaubt ist. Um etwa 03.30h ruft der Muezzin, wird räumen auf und gehen ins Bett. Um 04.30h macht sich Aicha auf, um für den Esel und die Schafe Gras zu ernten solange die Sonne noch nicht erbarmungslos vom Himmel brennt.

Daraufhin klopfen Assia und Jaouhar alle 10 Minuten an meine Tür um zu fragen, ob es schon Zeit für die Schule sei. Sie können die Uhr noch nicht lesen und sind ohne ihre Mutter etwas orientierungslos. Ich schicke sie immer wieder ins Bett und stehe gegen 06.15h seufzend auf, um mich für die Arbeit fertig zu machen.
Jaouhar und Assia sind inzwischen wieder eingeschlafen und ich wecke sie, damit wir gemeinsam zur Schule gehen können. Mit den beiden an der Hand mache ich mich auf den Weg zur Schule. Es ist bereits recht warm und die Straße super staubig.
Auf dem Weg spielen wir Verstecken, oder die beiden Wettrennen oder wenn sie sehr müde sind, schlappen sie einfach an meiner Hand hinter mir her. Ein paar Frauen kommen uns mit ihren Eseln entgegen, beladen mit dem geschnittenen Gras.

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In meinem Dorf kennen mich die meisten, die mich freudig grüßen und manchmal auf einen kurzen Plausch innehalten. Nur mein Name verursacht immer noch (und von Anfang an), vor allem in Aguerd N‘ouzrou ungeahnte Schwierigkeiten. In frankophonen Ländern hatte ich bis jetzt wenige Probleme, doch da hier vor allem Tamazight und Arabisch gesprochen werden, tauscht man fröhlich die Vokale meines Namens hin und her: Vor allem heiße ich Fibian oder Vivian, inzwischen auch Fibien oder Vivien was scherzhaft mit meinem Nachnamen „tunialt“ [tuniɛlt] ergänzt wird. Das jemand „Schwar(t)z“ zum Nachnamen heißen könnte (und auch noch seine ganze Familie), finden meine Bekannten höchst amüsant….

(Teil 2 folgt morgen, inchaallah) 

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