Gebärdensprache für ein ganzes Tal

Rückblick auf die Ergebnisse ihrer Arbeit und auf die Entwicklung der Inklusion an der école vivante – von Fabienne Schwartz, die seit April an der école vivante ist und mit den Mitarbeiter_innen und Schüler_innen Fortbildungen zu Gebärdensprache und Hörgeschädigtenpädagogik macht . 

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Als ich im April 2016 an der école vivante ankomme, sind Itto und ich unsicher, ja skeptisch, wie wir „das mit der Gebärdensprache“ hier angehen können. Seit September 2015 besuchen zwei hochgradig schwerhörige Mädchen die erste Klasse.
Eine davon ist Ittos Tochter Hannah und die beiden haben, seit Hannah etwa drei ist, mit gehörlosen Aupairs Deutsche Gebärdensprache und Lautsprachbegleitende Gebärden gelernt.
Das andere Mädchen, Assia, profitiert von den rudimentären Kenntnissen Lehrpersonen der Klasse 1/2.
Im nächsten Jahr soll Assias kleiner Bruder Jauohar auch auf die Schule gehen. Er ist an Taubheit grenzend schwerhörig. Außerdem gibt es da noch Lunis, den fast dreijährigen kleinen Bruder von Hannah, der ebenfalls hochgradig schwerhörig ist und später ebenfalls die école vivante besuchen wird.
Generell möchte die école vivante sich für Schüler_innen mit Hörschädigung öffnen und Personal und Schüler_innen in Gebärdensprache schulen…. Und da komme ich ins Spiel ;).

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In Ait Bouguemez sprechen die Menschen, wie in den meisten ländlichen Gegenden, Tamazight. In der Schule lernen Schüler Arabisch und etwas Französisch, aber das gilt eher für die heutige Generation als für Vergangene. Arabisch ist eine Unterrichtssprache, in der z.B. auch Mathe stattfindet; Französisch ist wichtig, wenn man mit Touristen oder Menschen von außerhalb des Tals zu tun haben will oder irgendwann eine höhere Schule besuchen mag.
Die Kinder in der Klasse 1/2 sprechen also von Haus aus Tamazight, lernen an der école vivante auf Arabisch zu rechnen, zu schreiben, zu beten und zu sprechen, lernen in Französisch zu schreiben und zu sprechen und nun lernen sie auch noch zu gebärden.
Hannah gebärdet DGS (Deutsche Gebärdensprache), aber nach einigen Überlegungen entscheiden Itto und ich uns für ein Umlernen auf LSF (Französische Gebärdensprache), da es für Assia, die anderen Schüler_innen und die Lehrer_innen leichter wird mit einer französischen Basissprache. Hannah macht das Umlernen sehr gut mit, auch wenn ich für kompliziertere Erklärungen weiterhin mit ihr DGS und mit den Anderen eine Mischung aus LSF und visuell-gestischer Kommunikation verwende, damit jeder und jede versteht, was gesagt wird.

Wir begannen also jeden Montag eine Stunde mit dem gesamten pädagogischen Personal der Schule (das schließt auch die Kindermädchen von Lunis mit ein), Französische Gebärdensprache (LSF) zu lernen. Das Team ist motiviert und lernt sehr schnell. Was wir lernen wird sofort mit den Schüler_innen umgesetzt, sodass das, was ich lehre, schon in der folgenden Woche in der ganzen Schule verbreitet wurde.
Außerhalb dieser Kurse komme ich in jede Klasse, wenn sie dort Gebärden mit den Schüler_innen üben wollen, bin aber sonst verstärkt in der Klasse 1/2, da Hannah und Assia dort sind, und ich dort mit den drei Lehrer_innen intensiv an ihrer Kommunikation mit den zweien arbeite. Außerdem machen wir für beide Klassen (1 und 2) getrennt Gebärdenstunden, in denen ich vor allem mit den Kindern spiele und wir so Vokabular und visuelle Aufmerksamkeit üben.
Abends dann lerne ich Gebärden mit meiner Gastmutter Aicha und deren drei hörgeschädigten Kids. Das ist besonders spannend, da ich kaum Tamazight spreche und die Gebärden so unsere Brücke zur Kommunikation untereinander werden.

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Nach etwa einem Monat meiner Zeit hier hatte Itto die geniale und spontane Idee, dass Jaouhar noch mehr von meiner Anwesenheit profitieren könnte, indem er bereits jetzt seine Eingewöhnung fürs nächste Schuljahr beginnt. Es klappt sehr gut und dadurch dass Jaouhar vollständig taub ist, macht er Mitschüler_innen und Lehrer_innen auf die konsequente Verwendung von Gebärden aufmerksam und auch die ganze Klasse gewöhnt sich immer mehr daran, mir oder den anderen Lehrer_innen ihre visuelle Aufmerksamkeit zu schenken.
Das war am Anfang besonders schwierig, da 16 hörende Erst- und Zweitklässler selten in deine Richtung schauen, wenn du ihnen nur, wie unter Tauben üblich, zuwinkst. Inzwischen aber haben die meisten verstanden, dass man in Gebärdensprache nur die Informationen mitbekommt, wenn man aufmerksam zusieht.
Auch Jaouhars Gebärdensprache wird immer besser (es ist das erste Mal, dass er mit gebärdenden Menschen zu tun hat) und er wird davon ermutigt, dass ihn häufiger Menschen verstehen. Inzwischen erzählt er auch zu Hause, was er in der Schule gelernt hat oder fragt nach, was die Hörenden reden, wenn er beobachtet, dass ihre Lippen sich bewegen. (Die Gebärde für LÖWE ist übrigens eine ausladende Mähne, weshalb Jaouhar der Meinung ist, dass ein Löwenbaby ein rasierter Löwe ist. )

Die Lehrer_innen beginnen nach den regelmäßigen Gebärdenstunden immer mehr selbstständig darauf zurückzugreifen (z.B. wenn es zu laut wird gebärden statt laut zu rufen).
Auch in den Unterrichtsstunden, die ich montags mit den Lehrer_innen mache, ist es hörbar leiser geworden und wir machen immer mehr lange Einheiten ausschließlich in LSF, außer wenn ich Grammatik erklären muss und wieder in die französische Lautsprache wechsle.

Itto hatte ebenfalls die schöne Idee, Aicha, Assias und Jaouhars Mutter, bei der ich wohne, zu unserem wöchentlichen Gebärdensprachunterricht mit den Lehrer_innen einzuladen. Aicha ist mutig und gesellt sich, zuerst beobachtend und schüchtern, dann immer lebendiger werdend, dazu, und wenn wir zu Hause sind, erzählt sie stolz und wiederholt die gesamte Lektion vor versammelten Freund_innen und Verwandten.
Diese sind erstaunt und beeindruckt, vor allem nachdem ich Oropax verteile und jede_r sie mal anprobiert, nur um zu testen, wie es sich ungefähr als hörgeschädigter Mensch anfühlen kann. Es ist schwierig bis unmöglich, die Worte zu verstehen, die ich hinter ihrem Rücken spreche und man erkennt plötzlich ganz neu die Herausforderung der drei Kinder, die um uns herum springen.

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Jetzt, in meiner letzten Woche an der Schule, wiederholen wir mit den Lehrer_innen was wir gelernt haben: Eine ganze Menge! Ob Vokabeln, Bildbeschreibungen, räumliches Gebärden, Grammatik oder Zeitformen, alles wird spielerisch wiederholt und bei jeder Übung merken wir, dass jede_r besser gebärdet und wir uns deshalb auch gegenseitig besser zusehen und verstehen können. Das ermutigt hoffentlich alle, auch nach den Ferien und im anstrengenden Schulalltag immer wieder an die Verwendung der Hände zu denken!

So verbreitet sich im Tal die Kunde einer Schule, die sich auch um hörgeschädigte Kinder kümmert und an der alle eine neue Sprache lernen. Es geht so weit, dass Aicha mir Dinge in Gebärden erklärt, die ich in Tamazight von anderen nicht verstanden habe, oder dass ich auf meinem Heimweg von wildfremden Kindern (die nicht auf die école vivante gehen) in Gebärdensprache und ohne Stimme gegrüßt und nach meinem Befinden gefragt werde.
Eine schöne und erfolgreiche Zeit an der école vivante geht für mich zu Ende. Ich bin stolz wie viel die Schüler_innen und Lehrer_innen gelernt haben und freue mich schon auf ein wiederkommen, bei dem ich die Entwicklung beobachten kann und das Lernen für alle fortgesetzt wird.

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